„Cradle to Cradle“ – Wirtschaften der Zukunft?

25. Juli 2023

Viele von uns verspüren den Wunsch und die Notwendigkeit, nachhaltiger zu wirtschaften und zu leben. Aber wie kann das mit mehr als 8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten gelingen? Ist rational doch mehr Technologie (DeepTech) unsere einzige Chance, eine echte Veränderung mit globaler Skalierung in den vielen benötigten Bereichen wie Luft, Wasser, Böden, Nahrungsmittel oder Mobilität zu erzielen?

Wenn wir mit der Perspektive der vielen Menschen in unterschiedlichen politischen Systemen, Entwicklungsstufen und Kontinenten auf die Herausforderung schauen wird klar, dass Verzicht als Konzept, Bio-Gemüse oder ein Elektroauto nicht die Lösung sein können. Sich auf die Straße zu kleben hilft dabei leider genauso wenig wie starke Regulierung von politischer Seite. Beides wirkt im wahrsten Sinne des Wortes als Bremse und nicht als Initiator.

Ein deutlich fortschrittlicherer und innovativerer Lösungsansatz für eine nachhaltige Entwicklung der Zukunft ist das Konzept von „Cradle to Cradle“ (C2C), auf Deutsch „von der Wiege zur Wiege“. Wer sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt, wird bereits über diesen Begriff gestolpert sein. Dieser Artikel liefert einen tieferen Einblick in ein fortschrittliches Konzept, das unsere Zukunft positiv bestimmen könnte. Durch C2C können Technologie und Wirtschaft in neuer und geschickter Form verbunden und weiterentwickelt werden.

Schluss mit „Cradle to Grave“

„Cradle to Cradle“ ist ein innovativer Ansatz, der von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt wurde. Die Idee hinter C2C ist, ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das den biologischen Kreislauf imitiert, in dem Abfall zu Nährstoffen wird und keine schädlichen Rückstände hinterlässt. Schon im Jahr 2002 veröffentlichten die beiden ein gleichnamiges Buch, in dem sie dieses Konzept der Ökoeffektivität erklärten.

„Cradle to Cradle“ soll einen Gegensatz zum traditionellen linearen Wirtschaftsmodell, das als „Cradle to Grave“ bezeichnet wird, darstellen. Anstatt Produkte herzustellen, zu nutzen und anschließend zu entsorgen, strebt C2C eine kontinuierliche Wiederverwendung von Materialien an. Durch den Ansatz werden Materialien als Nährstoffe betrachtet, die in technischen oder biologischen Kreisläufen zirkulieren können, ohne die Umwelt zu belasten. Ein zentraler Aspekt des Konzepts ist die Unterscheidung zwischen technischen und biologischen Nährstoffen. Technische Nährstoffe sind Materialien wie Metalle oder Kunststoffe, die unendlich wiederverwertet werden können, ohne an Qualität zu verlieren. Biologische Nährstoffe sind hingegen organische Materialien, die kompostierbar sind und wieder in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden sollen.

Das Siegel der Kreislaufwirtschaft

Wer ein kreislauffähiges Produkt auf den Markt bringt, kann sich das mittlerweile durch ein kommerzielles „Cradle to Cradle“-Siegel bestätigten lassen. Abhängig von der jeweilige Zertifizierungsstufe, die sich in Basic, Bronze, Silber, Gold oder Platin unterteilen, muss eine Auswahl dieser Kriterien zutreffen:

  • Verwendung gesunder Materialen für Mensch und Umwelt (Material Health)
  • Ermöglichen einer Kreislaufwirtschaft für regenerative Produkte (Material Reutilization)
  • Nutzung erneuerbarer Energiequellen zur Erzeugung des Produkts (Renewable Energy)
  • Verantwortungsvoller Umgang mit Wasser (Water Stewardship)
  • Berücksichtigung sozialer Standards (Social Fairness)

Eine Herausforderung für das Produktdesign

Um „Cradle to Cradle“ umzusetzen, müssen Produkte so gestaltet werden, dass sie entweder wiederverwendet oder vollständig abgebaut und in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können. Das erfordert die Verwendung ungiftiger Materialien, die keine schädlichen Rückstände hinterlassen, sowie die Schaffung von Designlösungen, die eine einfache Demontage und Trennung der Materialien möglich machen.

Die Modeindustrie und einige andere Branchen zeigen hier bereits die Grenzen des Konzepts auf: Beispielsweise Textilien lassen sich nicht so herstellen, dass sie ohne spezielle Verwertungsanlagen kompostierbar wären. Dazu muss man sich die Frage stellen, wie anwendbar solche Konzepte auf eine so extrem schnelllebige Industrie sein können, die aktuell immer noch von Überproduktion und Überkonsum bestimmt wird. Und nicht immer ist ein biologisch abbaubares Produkt auch die langlebigere Alternative. Wenn die Qualität eines Produkts unter der Kreislaufwirtschaft leidet, ist das ebenso wenig nachhaltig, wie langlebige, nicht biologisch abbaubare Produkte.

Ein rentables Geschäftsmodell

Unternehmer und insbesondere Impact-Unternehmer sollten sich damit auseinandersetzen, wie „Cradle to Cradle“ in bestehende, anzupassende oder neue Geschäftsmodelle eingebettet werden kann. Auch wenn die wirtschaftliche Rentabilität von C2C von verschiedenen Faktoren abhängt und je nach Branche, Produkttyp und Implementierungsstrategie variieren kann, gibt es einige potenzielle wirtschaftliche Vorteile bei diesem Ansatz.

Denn durch den Einsatz von „Cradle to Cradle“-Prinzipien können Unternehmen die Nutzungsdauer von Materialien und Produkten verlängern. Dies reduziert den Bedarf an neuen Rohstoffen und senkt die Beschaffungskosten. Darüber hinaus kann die Wiederverwendung von Materialien Kosten für die Entsorgung und den Abfalltransport einsparen. C2C ermöglicht also eine Kostenersparnis durch die Materialwiederverwendung. Darüber hinaus führt die verbesserte Produktqualität zu einer höheren Kundenzufriedenheit. C2C legt großen Wert auf die Herstellung hochwertiger Produkte, die Gesundheit und Umweltverträglichkeit fördern. Hochwertige Produkte können eine höhere Kundenzufriedenheit und Markentreue fördern, was langfristig zu einer Steigerung der Absatz- und Wettbewerbsfähigkeit führen kann. Gleichzeitig bedienen „Cradle to Cradle“-Produkte die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten. In den letzten Jahren hat die Nachfrage der Verbraucher nach umweltfreundlichen und nachhaltigen Produkten zugenommen. Unternehmen, die C2C-Prinzipien umsetzen, können von dieser wachsenden Nachfrage profitieren und ihre Produkte als umweltfreundliche Lösungen positionieren, was zu einem Wettbewerbsvorteil führen kann.

Dennoch ist es wichtig zu erwähnen, dass die Implementierung von C2C-Prinzipien auch mit anfänglichen Investitionen und Umstrukturierungen verbunden sein kann. Unternehmen müssen möglicherweise ihre Produktionsprozesse anpassen, Partnerschaften mit Lieferanten und Recycling-Unternehmen eingehen oder neue Geschäftsmodelle entwickeln. Diese Investitionen können sich jedoch langfristig auszahlen, indem sie Kosteneinsparungen und Wettbewerbsvorteile ermöglichen. Bekannte Marken wie Frosch, Trigema oder Stabilo haben es bereits vorgemacht. In den meisten Fällen ist für das neue Produkt- oder Service-Design und die Implementierung von “Cradle to Cradle” neues, meist sehr tiefgehendes Technologie-Know-How (DeepTech) erforderlich. So können sich schnell anpassungsfähige (also agile) und technologieorientierte Unternehmen einen Vorsprung erarbeiten, indem sie auf C2C setzen und sich hier einen stringenten mehrjährigen Plan als Ziel vornehmen.

Natürlich bedarf es eines Realitäts-Checks: Nicht jede Branche und jedes Produkt ist heute und sofort umsetzungsfähig. Darüber hinaus ist nicht jede verträumte Öko-Logik, die nicht den harten wirtschaftlichen Grundsätzen genügt, überlebensfähig. Klar ist jedoch, dass auf kurz oder lang Technologie in jeder Branche eine Chance etabliert, noch nicht nachhaltige Geschäftsmodelle anzupassen. Eine sorgfältige Planung, Ressourcenallokation und Strategieentwicklung sind entscheidend, um die potenziellen wirtschaftlichen Vorteile von “Cradle-to-Cradle“ optimal zu nutzen.

Reduktion der „Gefahr“ von Greenwashing

Die positiven Image- und Markenwert-Effekte, die „Cradle to Cradle“ verspricht, locken auch Unternehmen an, die lediglich von einer grünen Zertifizierung profitieren wollen, ohne sich tatsächlich für eine nachhaltige Zukunft einzusetzen.

Die Möglichkeiten zum Missbrauch sind aber deutlich geringer als bei nahezu allen heute implementierten Verfahren, da es sich bei C2C um einen Prozess handelt, dessen Einhaltung von externen Partnern sehr gut überprüft und dokumentiert werden kann. Außerdem ist bei den meisten Produkten davon auszugehen, dass C2C nur über einen mehrschrittigen und iterativen Verbesserungsprozess von mehreren Jahren umgesetzt werden kann. Mit zum Reporting gehört also die Verbesserung zum Vorjahr. Ein Produkt oder Unternehmen, welches hier über Jahre bei einem bestimmten Umsetzungswert verharrt ist, könnte als Trittbrettfahrer geoutet werden.

Die Überprüfbarkeit der Ernsthaftigkeit ist damit bedingt durch das Prinzip deutlich konsequenter möglich als mit den bisherigen Waffen der Umwelt-Organisationen und des Gesetzgebers. Es geht nicht mehr um branchenweite und langwierig in Kompromissrunden verabschiedete Grenzwerte und die Einhaltung von starren Auflagen.

Es geht um die klare Erreichung einer vollständigen Kreislaufwirtschaft und den Weg dahin.

C22 kann damit deutlich dabei helfen, die Greenwashing Debatte zu versachlichen und die Dogmen aus den Diskussionen zu nehmen. Mit C2C können wir aus der Ära des Diskutierens endlich in eine neue Zeit des Handelns kommen!

Großartiges Potenzial, das genutzt werden sollte

Das Konzept von “Cradle to Cradle” hat das Potenzial, unseren Umgang mit Ressourcen grundlegend zu verändern und eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen. Es fordert nicht nur eine effizientere Nutzung von Ressourcen, sondern auch eine Neuausrichtung unserer Denkweise und unserer Wirtschaftssysteme. Im Gegensatz zu ökoeffizienten Prozessen, die darauf abzielen, Schadstoffe, Ressourcenverbrauch und Umweltschäden zu reduzieren, ist “Cradle to Cradle” ökoeffektiv. C2C-Produkte lassen sich nicht nur zu einem gewissen Grad recyceln, sondern fügen sich vollständig in einen technischen oder biologischen Kreislauf ein. Auf diese Weise entsteht im Idealfall kein Abfall und jede Ressource kann zu 100 Prozent wiederverwendet werden. Zumindest ist dies die Zukunftsvision der Entwickler des C2C-Prinzips.

Es liegt an uns allen – Unternehmen, Regierungen und Verbrauchern -, die Prinzipien von “Cradle to Cradle” zu integrieren. Indem wir unsere Produkte und Prozesse so gestalten, dass sie den C2C-Prinzipien entsprechen, können wir gemeinsam einen positiven Wandel herbeiführen und eine lebenswerte Umwelt für zukünftige Generationen schaffen.

Bei C2C handelt es sich also um eine Technologie, maßgeblich entwickelt in Deutschland, aber noch lange nicht im Unternehmens-, Unternehmer- und Verbraucher-Mainstream angekommen. Wir sollten uns in unserem Land auf die Nutzung von solchen wirklich bahnbrechenden und visionären Konzepten besinnen und mit all unserer Kraft daran arbeiten, unsere Wirtschaft – ohne weitere planwirtschaftliche Ansätze – Schritt für Schritt in Richtung C2C zu entwickeln.

Quelle: https://pixabay.com/de/photos/kompost-garten-abf%C3%A4lle-bio-natur-419261/
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